Lach- und Sachgeschichten. Zum Start von „Tolino“ 22

Am Freitag war es endlich so weit: Die großen Buchhändler Thalia, Hugendubel, Bertelsmann und Weltbild präsentierten zusammen mit dem technischen Partner Telekom ihre neue Wunderlösung „Tolino„, an dem die deutsche Branche genesen und sich gegen Amazon behaupten soll. Ein Kommentar von Dennis Schmolk

Tolino ist eine vorgebliche Komplettlösung, die ein Gerät, eine Handelsplattform und ein breites Content-Angebot vereint. Ab dem 7.3. kann man die Geräte auf den Websites und in den Ladengeschäften der beteiligten Unternehmen kaufen und per heimischem WLAN oder über die kostenlose Nutzung von Telekom-Hotspots bei Starbucks, der Deutschen Bahn usw. 300.000 Titel kaufen und aufs Gerät laden. Der eReader selbst erinnert stark an den Kindle Paperwhite, kostet mit 99.- „Einführungspreis“ aber 30.- weniger als die Amazon-Konkurrenz. Ob das ausreicht, den Markt zu erobern, bezweifle ich allerdings.

Denn: Ich glaube nicht an die große Geheimwaffe – aus mehreren Gründen:

  1. Tolino ist vor allem ein Gerät.
  2. Tolino ist keine wirklich offene Lösung.
  3. Tolino macht nichts besser als Amazon.
  4. Die beteiligten Unternehmen sind eher Hemmschuhe als Motoren der Innovation.

1. Tolino ist vor allem ein Gerät

Kathrin Passig twitterte zum Tolino-Start: „Man darf Menschen mit viel Geld einfach keine Probleme in die Hand geben. Sie werden immer nur ein Gerät herstellen lassen.“ Das kann man so stehen lassen. Denn während die eigentlichen Probleme im Content, im Vertrieb, in den Preisen, im Marketing, in den rechtlichen Rahmenbedingungen, allgemein vielleicht in der konservativen Branchenmentalität liegen, versucht man mit der Telekom (!) an Bord eine technische Lösung. Tolino löst nichts – der Tolino Shine ist einfach eine Ergänzung des eReader-Markts. Während Amazon mit dem Fire in den Bereich der Tablets expandiert, konzentriert sich die Branchenlösung auf einen eInk-Reader. Dieser Markt ist allerdings eher in einer Rezession begriffen. Nutzergewohnheiten gehen – das ist jedenfalls meine subjektive Prognose – eher in Richtung Tablets und Smartphones, um mobil zu lesen. Und eine Tolino-App habe ich noch nirgends gefunden.

2. Tolino ist keine wirklich offene Lösung

Was der Tolino abseits des Geräts präsentiert überzeugt auch nicht. Tolino wirbt mit Offenheit seiner Vertriebsplattform für beachtliche 300.000 Titel, um sich gegen den goldenen Käfig Amazon abzugrenzen. Sympathisch: Damit haben Thalia und die Telekom endlich mal den Robin-Hood-Bonus für sich zu verbuchen! Sieht man dann aber genauer hin, ist die Lösung keineswegs „offen“. So sagt Weltbild-Chef Halff zum Thema DRM:

Ihre Kunden werden weiterhin am harten Kopierschutz nicht vorbeikommen. Appellieren Sie an die Verlage, darauf zu verzichten?
Halff:
Nein, das steht im Moment nicht an. Wir haben kaum Hinweise von Kunden, denen der harte Kopierschutz Probleme bereitet.

Das zeugt von einer gewaltigen Unkenntnis der Nutzerprobleme. Ich habe ja im Rahmen von innovation protoTYPE 2012 an der Projektgruppe m@rtha mitgewirkt, die sich um den Kundensupport für elektronisches Lesen bemühte. Und DRM ist das wesentliche Problem. DRM schreckt Kunden ab, führt zu Piraterie, Supportaufwand und Verunsicherung. Ich bin froh, mit dotbooks einen Arbeitgeber zu haben, der auf DRM verzichtet. Da ist man offenkundig weiter als bei den ganzen Händler-Riesen.

3. Tolino macht nichts besser als Amazon

Das führt mich zum wichtigsten Punkt: Tolino ist eine Kampfansage an Amazon – der Tolino Shine ist dort auch als Produkt nicht zu finden. Man möchte es mit Kindle aufnehmen. Und das zwei Jahre nach dem Kindle-Start in Deutschland, während denen Amazon an einigen Ecken und Enden Kritik einstecken musste, aber vor allem eins geschafft hat: Marktführer zu werden. Wer einen Marktführer angreift, muss mehr bieten, um die Kuchenstücke zurückzugewinnen.

So this is a Kindle killer? If you ask me, I think the Tolino partners forgot that in order to win you need to do something better than the dominant player or have some appealing feature that attracts uses. I don’t see how the Shine meets those requirements. (The Digital Reader)

Und genau das tut Tolino nicht. Mit der Telekom hätte man eine gute Möglichkeit gehabt, flächendeckendes kostenloses 3G anzubieten, um die Tolino-Inhalte zu nutzen. Ein echter Kaufanreiz. Stattdessen setzt man auf die HotSpots der Telekom oder private WLANs.

Es ist nicht anzunehmen, dass die Preisgestaltung der eBooks durch Tolino irgendeine Änderung erfahren wird. eBooks bleiben zu teuer.

Adobe DRM hat keinen guten Ruf, während der goldene Amazon-Käfig zumindest komfortabel ist. Wie genau wollen die Tolino-Betreiber einen solchen Ruf aufbauen? Soll das über die lokale Buchhandlung laufen? Über die nationale Bindung? Über die Angst des Users?

Tolino ist die sympathische deutsche Marke, die künftig als Synonym für digitales Lesen, schnelle Verfügbarkeit und einfachste Handhabung steht. Der Kunde bindet sich nicht an ein proprietäres System. Außerdem wird er seine einmal gekauften Bücher nicht verlieren, wenn er irgendwann ein Konto kündigt. (Halff)

4. Die beteiligten Unternehmen sind eher Hemmschuhe als Motoren der Innovation

Der Buchreport ist Tolino in meinen Augen eher wohlwollend gesonnen. In einem Artikel zu den beteiligten Unternehmen finden wir:

Thalia soll spätestens bis zum Geschäftsjahr 2014/2015 wieder profitabel sein.

Weltbild und Hugendubel zählen sich zu den größten Internet-, Buch- und Medienhandelsunternehmen in Europa. Im Geschäftsjahr 2011/12 erwirtschafteten 6800 Mitarbeiter rund 1,59 Mrd Euro Umsatz – ein Minus von 4% gegenüber dem Vorjahr.

Die Zahl der Club-Mitglieder ist auf unter 2 Mio gesunken – 1992 lag sie noch bei 6 Mio. Immerhin schreibt der Club nach eigenen Angaben trotz sinkender Erlöse keine Verluste (mehr).

2012 erzielte [die Deutsche Telekom] einen Umsatz von 58,2 Mrd Euro. Unter dem Strich stand ein satter Verlust von 5,3 Mrd Euro.

Den Unternehmen geht es nicht gut, und ich wage die Behauptung: weil sie sich allesamt der Digitalisierung, den veränderten Märkten und Nutzeransprüchen nicht anpassen. Durch diese Versäumnisse ist Amazon so groß geworden. Nun versuchen sie, mit einem Modell von vor zwei Jahren diesen Vorsprung einzuholen. Sie alle sind geprägt von alten Prozessen, konservativen Vorstellungen, staatlichem Protektionsbedürfnis (Buchpreisbindung!), technischem Rückstand, fehlender Offenheit gegenüber neuen Formen und Vertriebswegen von Buch-Content. Und ich denke, dieses Mentalitätsproblem wird dem gesamten Projekt zum Verhängnis.

Außerdem darf bezweifelt werden, dass die hier zusammenarbeitenden Konkurrenten eine Lösung im Auge haben, die auch dem unabhängigen Buchhandel zu Gute kommt. Es handelt sich um Großkonzerne, die ihre eigenen schrumpfenden Pfründe sichern wollen. Ob durch Tolino eine größere Vielfalt für den Endkunden geschaffen wird, muss sich erst beweisen.

Fazit

Und das ist schade – denn ich wünsche mir eigentlich eine legale, komfortable, günstige Plattform, eine offene Alternative zu Amazon. Aber bitte nicht auf Kosten der Benutzerfreundlichkeit. Da hat Amazon Maßstäbe gesetzt, und hinter die darf keine Lösung zurückfallen. In jedem Fall ist Tolino als Projekt allerdings zu begrüßen. Ich kann mich nur wiederholen: Konkurrenz belebt den Markt. Und wenn Tolino nichts anderes erreicht, als ein noch besseres Amazon zu erzwingen, hat es für den Endkunden ja auch schon genug geleistet.

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22 thoughts on “Lach- und Sachgeschichten. Zum Start von „Tolino“

  1. Pingback: “Lach- und Sachgeschichten” zum Tolino-Start : πάντα ῥεῖ – Alles fließt.

  2. Tremor 5 Mrz 2013 09:59

    Meines Wissens hat der Tolino gegenüber dem Amazon Kindle drei hauptsächliche Vorteile:

    1. Ist der Preis niedriger.
    2. Besitzt er mehr Speicher (der sogar erweiterbar ist).
    3. Ist die Auswahl zwischen mehreren Shops angenehmer als nur an einen gebunden zu sein (auch bei eBooks gibt es Sonderangebote).

    Zudem kann man meiner Kenntnis nach beim Tolino die Beleuchtung komplett abschalten, beim Paperwhite aber nicht.

    Sollte all das nicht maßgeblicher sein als die Frage, wie innovationsfreudig die beteiligten Firmen sind?

  3. Tremor 5 Mrz 2013 10:04

    Sorry, natürlich beziehe ich mich auch im ersten Absatz auf das Modell Paperwhite.

  4. Dennis Schmolk 5 Mrz 2013 10:44

    Ich finde nicht, dass das maßgeblicher sein sollte – denn Tolino wird als Wunderwaffe gegen Amazon präsentiert, deren Kern ein billiger, toller Reader ist. Aber genau in dem Punkt werden die Unternehmen nicht punkten. Mein Artikel war nicht als Test eines Geräts konzipiert, das ich noch nie in Händen hielt, sondern als Einschätzung eines Großprojekts.

  5. Tremor 5 Mrz 2013 11:42

    Ich bin anderer Meinung:

    Der Paperwhite mag preiswert und gut sein – der Tolino ist aber günstiger und (nach bisherigem Kenntnisstand) besser.
    Nicht nur Innovation entscheidet über Marktdominanz, sondern auch ein möglichst gutes Preis-Leistungs-Verhältnis.
    Und in diesem Punkt führt wohl eher der Tolino (den ich mir bereits bestellt habe).

  6. Pingback: Reaktionen auf Tolino Shine: Licht und Schatten » Debatte, eReader » lesen.net

  7. Tobias Auth 5 Mrz 2013 19:07

    Schöner Artikel, Dennis! Insgesamt bin ich ähnlicher Meinung wie du (mein Beitrag zum Tolino) Mit der DRM-Denke der Verlage und der Innovationsgeschwindigkeit der Buchhändler werden wir auf eine ernstzunehmende, wirklich offene Amaazon Alternative aber wohl noch eine Weile warten müssen…

  8. Andreas 5 Mrz 2013 21:41

    Bitte nicht verwechseln: „Offen“ bedeutet in diesem Zusammenhang nicht offen im Sinne von DRM. Denn das DRM Problem liegt bei den Verlagen. OFFEN bedeutet hier, dass man mit EPUBs arbeitet, dass man seine woanders gekauften E-Books im EPUB Format auch in der Cloud und dem Tolino lesen kann. Amazon ist ein geschlossenes System, mit geschlossenem Dateiformat über das nur Amazon gebietet. Andere Formate oder Händler sind nicht kompatibel. Wenn Amazon den Stecker zieht, sind auch die Bücher weg. Bei EPUB ist das anders.

    Von einem E-Publishing-Blog hätte ich erwartet, diesen Unterschied zu erkennen und zu erläutern.

  9. Dennis Schmolk 6 Mrz 2013 08:50

    Ich finde nicht, dass man diese Offenheits-Probleme trennen kann. Eine DRM-basierte Lösung ist niemals offen. ADE und Kindle DRM lassen sich gleichermaßen aushebeln, sodass man an offene Daten kommt – die habe ich aber nicht einfach so. Wenn Adobe seine DRM-Server abschaltet, habe ich auch keine Daten mehr in der Telekom-Cloud.

    Amazon ist eine geschlossene Lösung, das stimmt, ein goldener Käfig, wie ich schrieb, ein eigenes Ökosystem. Aber der Kindle kann auch jedes fremde in MOBI konvertierte eBook anzeigen, mit den entsprechenden Tools kriege ich aus jedem Kindle-eBook ein freies ePub.

    Worauf es mir ankam: Mit Offenheit zu werben, gleichzeitig aber auf DRM zu setzen, finde ich widersprüchlich. Klar liegt das Problem bei Verlagen (und Agenturen und Autoren), aber die Tolino-Macher haben ja explizit abgelehnt, da Aufklärungsarbeit in Sachen DRM zu leisten.

  10. buntebank 6 Mrz 2013 09:31

    Outing: ich lese weiterhin gedruckte Bücher X )
    Diese gibt es in gebrauchtem Zustand meist recht preiswert – und sie haben einen enormen Vorteil: man kann sie einfach weiter-verschenken. Die Beleuchtung lässt sich komfortabel individuell einstellen – und es erzählt mir keine Elektronik-Firma wie oft oder wer den Titel lesen darf.
    Desweiteren weiss auch keine Firma welche Bücher ich lese, und so bleibe ich von unangenehmer Werbeflut verschont ; )
    Bitte jetzt nicht über die Papier-Herstellung jammern – alle zwei Jahre ein neues Elektro-Lese-Gerät zu kaufen ist wahrscheinlich auch nicht „umweltfreundlicher“.

  11. Andreas 6 Mrz 2013 10:15

    Aber der Kindle kann auch jedes fremde in MOBI konvertierte eBook anzeigen, mit den entsprechenden Tools kriege ich aus jedem Kindle-eBook ein freies ePub.

    Das stimmt so nicht. Amazons Bücher sind genauso DRM-geschützt. Der Nutzer merkt es nur nicht, weil alles innerhalb des Amazon-Systems passiert. Und dementsprechend kann man eben nicht einfach so seine Bücher aus oder ins Amazon-Format konvertieren. Außer natürlich „mit den entsprechenden Tools“ ist das illegale Entfernen von DRM gemeint. Dann geht natürlich alles. Aber dann kann man auch gleich „mit den entsprechenden Tools“ das illegal aus dem Internet ziehen. Also das ist kein Argument.

    Offen ist das System, im Sinne von offen für den freien Handel. Nicht offen im Sinne von DRM. Das sind beide nicht. So gesehen ist Tolino das „offenere“ der beiden Systeme

  12. Hans Peter Roentgen 6 Mrz 2013 10:25

    Einen wichtigen Nachteil hat der Artikel sogar noch vergessen. Während man bei Amazon zu allen Ebooks mit einem Klick eine Leseprobe laden kann, hat Thalia zB das immer noch nicht. War (neben dem DRM) ein Grund, dass ich vor zwei Jahren zu Amazon gewechselt bin. Und jetzt habe ich nochmal nachgesehen. Von 5 testweise angeklickten Büchern hatte ein einziges eine Leseprobe – und das war ein Selfpublishing.

  13. Dennis Schmolk 6 Mrz 2013 12:31

    @Andreas: Klar sind Kindle-eBooks DRM-geschützt, und dass man das nicht merkt, macht den goldenen Käfig aus. Das ist komfortabel und nutzerfreundlich – diese Qualitäten muss Tolino erst unter Beweis stellen. Aber ich bin gespannt. Kindle ist eben die Lösung eines Händlers – dass diese Plattform nicht „offen“ für andere Händler ist, versteht sich von selbst. Ich verstehe dein Problem mit der Offenheits-Formulierung nicht ganz.

    @H P Roetgen: Guter Punkt. Aber vielleicht wird das ja alles besser, wenn die Infrastruktur von Tolino solche LPs automatisch generiert. Da würde ich denen sogar vertrauen, das ist ja ein leicht implementierbares Basis-Feature.

  14. Daniela 6 Mrz 2013 18:24

    Neben der fehlende Leseproben sind für mich die Onlineshops der Tolino-Anbieter ziemlich uninteressant, da sie so gut wie keine englischen eBooks im Angebot haben. Nicht einmal bekannte Weltbestseller wie ich eben mal augeteste habe. Das ist für mich ein absolutes Muss, da ich so gut wie keine Übersetzungen lese. Und wenn ich mein Lesematerial nicht in den Shops bekomme, dann brauche ich deren eReader auch nicht.

    Das Angebot von Amazon entsprich zu 95% meinen Bedürfnissen und auch Bücher, die ich direkt bei US-eBook-Verlagen kaufe, kann ich problemlos entweder gleich auf dem Kindle lesen oder konvertieren.

    Um mit Amazon zu konkurieren bedarf es mehr als nur einen eReader, es muss auch das Lesematerial, das potentialle Kunden haben wollen, im Angebot sein.

  15. Theo 6 Mrz 2013 21:45

    Und man merk mal wieder das Blogger keine Journalisten sind. Viele der Aussagen die mir seltsam vorkamen kann man mit wenigen Sekunden Aufwand und Google klären… z. B. “ Und eine Tolino-App habe ich noch nirgends gefunden.“ – doch gibt es. Bei jedem Partner. Die Sachen zum (nicht -)Offenen System wieder: -> Suchmaschine… Also wenigstens so grundlegende Recherchen bevor man was schreibt tun doch nicht weh

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